
Es geht um echtes Geld für ein Stück Glas, das dein Bild am Rand unschärfer macht statt schärfer. Genau vor dieser Frage stand ich mitten im Marktrubel am Isemarkt in Eppendorf, wo ich für ein Café in der Nähe kurze Clips fürs Instagram-Profil drehen sollte. Eine anamorphotische Aufsatzlinse saß vor der iPhone-Kamera, ein Lichtstreifen fiel schräg über die Marktstände, und ich war überzeugt, jetzt kommt endlich der Cinematic Look, für den ich diesen Equipment-Test überhaupt gestartet hatte. Stattdessen verschwamm die halbe Bildhälfte zu einem Farbbrei, während die Marktfrau am Käsestand nebenan fragte, ob es noch lange dauert, womit mein großer Smartphone-Filming-Moment endete.
Kurzer Break für die Transparenz, bevor es weitergeht – dieser Text enthält Affiliate-Links. Buchst du darüber einen Kurs, bekomme ich eine kleine Provision, für dich bleibt der Preis gleich. Empfohlen wird hier nur Ausrüstung und Kurse, die bei echten Drehs rund um Eppendorf und die Nachbarviertel tatsächlich überlebt haben. Mehr Details dazu stehen auf meiner Transparenz-Seite.
Ein wackelndes Stativ, ein Marktplatz und der erste teure Fehler
Bevor überhaupt eine Linse ins Spiel kam, stand da ein Dreibein-Stativ aus dem Drogeriemarkt, das bei jeder Berührung leicht schwankte. Gekauft hatte ich es, weil es leicht war und ins Rucksackfach passte, ohne zu bedenken, dass schon ein vorbeilaufender Marktbesucher reicht, um jede Einstellung zu ruinieren. Mit der Vorsatzlinse vorne dran und einem Selbstbewusstsein, als hätte ich gerade den Trick gefunden, den alle anderen Café-Videografen verpasst haben, wackelte das komplette Setup bei jedem Schritt der Umstehenden mit. Diesen Anfängerstolz zahle ich bis heute in müden Nachbearbeitungsstunden zurück.
Bringt eine Vorsatzlinse wirklich den Cinematic Look?
Eine Aufsatzlinse soll dem sehr digitalen iPhone-Bild etwas von der organischen Textur zurückgeben, die ein cleanes Sensorbild oft vermissen lässt. Am häufigsten landen Einsteiger beim Anamorphotischen Verfahren – Linsen, die das Bild horizontal stauchen und in der Nachbearbeitung wieder auf Breite gezogen werden, inklusive der ovalen Lichtreflexe, wie man sie aus stilisierten Musikvideos kennt. Für butterweiche Kamerafahrten braucht es unabhängig davon eher einen Gimbal als eine weitere Linse, aber welcher zu welchem Handy passt, ist ein eigenes Kapitel, das an dieser Stelle zu weit führen würde. Am Isemarkt hat mir die Linse an diesem Vormittag jedenfalls nicht den erhofften Effekt gebracht, sondern nur gezeigt, dass Glas vor der Kamera kein Freifahrtschein ist.
Als die Halterung im Yogastudio versagte
Bei einem anderen Dreh, in einem Yogastudio mit viel natürlichem Licht, wollte ich unbedingt weite, sphärische Aufnahmen der Sonnengrüße einfangen. Genutzt habe ich dafür eine günstige anamorphotische Clip-on-Linse, deren Halterung nicht ganz mittig saß – gesehen habe ich das erst zu Hause am großen Monitor, als die gesamte linke Bildhälfte leicht dezentriert und matschig wirkte. Mein Kumpel Jakob, der praktisch jeden günstigen Verleih in Hamburg kennt, hatte mir vorher geraten, die Linse erst zu leihen, bevor ich sie kaufe, aber natürlich wollte ich gleich das eigene Exemplar haben. Seitdem nutze ich nur noch Systeme mit festem Gewinde – ein Handy Cage für Videoaufnahmen mit 17-mm-Gewinde sorgt dafür, dass die Linse immer exakt vor dem Sensor sitzt, ohne dass ich beim Verschrauben raten muss. Am Ende lag das Problem im Studio ohnehin weniger an der Linse als am Licht im Raum, und wie man ein günstiges Lichtsetup für Innenaufnahmen zusammenstellt, ist wieder ein eigenes Thema für sich.
Verschlusszeit gegen Bildrate — Die 180-Grad-Regel in der Praxis
Der Teil meines Setups, der wirklich zählt, ist ein variabler Neutraldichtefilter – ohne ihn muss das iPhone bei hellem Tageslicht die Verschlusszeit so weit verkürzen, dass Bewegungen im Bild abgehackt wirken. Die Regel dahinter lässt sich an einem Nachmittag lernen und dann nie wieder vergessen – die Verschlusszeit sollte immer doppelt so hoch sein wie die Bildrate, bei 25 Bildern pro Sekunde also 1/50 Sekunde. Nur bei diesem Verhältnis entsteht die natürlich wirkende Bewegungsunschärfe, die ein Video vom typischen Handy-Ruckeln unterscheidet, jede abweichende Einstellung sieht entweder zu hart oder zu verwaschen aus. Aufsatzlinsen zeigen ihren vollen Effekt ohnehin erst, wenn ein ND-Filter die Belichtungszeit auf genau diese Filmnorm von 1/50 Sekunde einbremst, wie man dabei den passenden Filter für sein Handy findet, steht ausführlicher in meinem Guide über Günstige ND Filter für Smartphone Videos.
Weniger Glas, mehr Bildgestaltung
In den letzten Monaten ist mir aufgefallen, dass ich bei den meisten Aufträgen für lokale Cafés und Studios gar keine Vorsatzlinse mehr aufschraube. Die internen Linsen neuerer iPhones, besonders der 2x-Zoom, sind mittlerweile so gut, dass jede zusätzliche Schicht Billig-Glas eher Licht und Kontrast klaut, statt etwas beizutragen. Beatrice, deren Café ich schon öfter gefilmt habe, lässt mich zum Glück nachdrehen, wenn eine Einstellung nicht sitzt – dieses Polster fehlt bei den meisten anderen Jobs, weshalb ich inzwischen vor jedem Dreh eine kurze Storyboard-Skizze mache, um am Set nicht ständig zwischen Linsen zu wechseln. Wer wissen will, wie man aus Rohmaterial wirklich etwas macht, das nach einem bezahlten Auftrag aussieht, findet im Videoschnitt-Kurs für Selbständige von Anuschka Bacic ein Komplettpaket aus Filmen und Schneiden mit dem Smartphone – die Dozentin war 15 Jahre lang Videojournalistin bei NDR und Radio Bremen und erzählt Geschichten ganz ohne technisches Chichi. Welcher Kurs am Ende zum eigenen Workflow passt, hängt stark davon ab, wo man gerade steht, aber das ist wieder eine andere Entscheidung.
Was Ton, Licht und Schnitt mit dem Look zu tun haben
Beim ersten Dreh mit einem externen Mikrofon fiel mir beim Rückspielen auf, wie das Brummen der Kaffeemaschine im Hintergrund zu einem weichen Teppich wurde, während die Stimme der Café-Chefin klar und ohne einen einzigen Schnitt durchkam. Wie man aus so einer sauberen Aufnahme im Schnitt noch mehr rausholt, ist wieder eine andere Geschichte, genau wie die Frage, welche Schnittsoftware am Ende zum eigenen Rechner und Workflow passt. Nach dem Dreh mit einer anamorphotischen Linse kommt sowieso erst die eigentliche Arbeit, das Material aus der Kamera ist gestaucht, Gesichter sehen aus wie lange Eier, und du musst in deiner Software entstauchen, bevor überhaupt an Farbe zu denken ist. Wie man aus diesem gestauchten Rohmaterial einen stimmigen Grading-Workflow baut, würde hier zu weit führen, aber wer sich den Frust mit dem Entstauchen sparen will, findet im kompakten, deutschsprachigen Final Cut Pro X Einsteigerkurs einen Weg, den eigenen Workflow so zu straffen, dass nach dem Dreh nicht mehr bis in die Nacht am Rechner gesessen wird. Bei der Musik im Hintergrund achte ich inzwischen konsequent auf GEMA-freie Quellen, aber die genauen Regeln dazu sind nochmal ein eigenes Kapitel, ebenso wie die Frage, wohin die fertigen 4K-Dateien nach dem Dreh am besten wandern.
Drei Fehler, die mich Nerven gekostet haben
In der Anfangszeit habe ich so ziemlich jeden Fehler gesammelt, den man mit Aufsatzlinsen machen kann. Billige Clip-on-Halterungen verrutschen ständig und ruinieren die Schärfe am Rand, weshalb sich die Investition in ein Case mit festem Gewinde am Ende immer auszahlt. Ein einzelner Fingerabdruck auf der Rückseite der Linse erzeugt außerdem einen milchigen Schleier, den keine Nachbearbeitung der Welt wieder wegbekommt, und wer während des Drehs ständig zwischen zwei oder drei Linsen wechselt, verpasst dabei regelmäßig den eigentlich besten Moment. Am klügsten fährt, wer sich vorher genau überlegt, welche zwei Looks er wirklich braucht, statt am Set mit dem Schraubgewinde zu kämpfen, während der Kunde daneben steht. Wer gerade erst startet, findet dazu auch meinen Artikel über Smartphone Video Equipment Fehler, der mir selbst ein paar Nerven gespart hätte.
Mein Fazit vom Café-Tisch am Isemarkt
Smartphone-Objektive sind ein gutes Werkzeug, um Filmen eine besondere Note zu geben, aber sie sind kein Wundermittel – eine anamorphotische Linse macht aus einem schlechten Video keinen guten Film. Ab Woche fünf mit dem neuen Cage-Setup saß die Linse beim ersten Versuch fast jedes Mal exakt vor dem Sensor, ohne dass ich am Set noch nachjustieren musste – nicht die Linse selbst hat den Unterschied gemacht, sondern das saubere Setup drumherum. Stabiles Case, guter ND-Filter, und das Licht nutzen, das ohnehin schon da ist – das ist die Reihenfolge, in der es Sinn ergibt, Geld auszugeben. Erst wenn diese Basis steht, lohnt sich eine hochwertige 1,33x- oder 1,55x-Linse, und selbst dann bringt sie mehr, wenn vorher ins eigene Wissen über Schnitt und Bildsprache investiert wurde. Der Videoschnitt-Kurs für Selbständige war für mich bis heute die Investition, die sich am meisten ausgezahlt hat, weil er zeigt, wie aus dem, was auf dem Handy landet, ein Imagefilm wird, für den Kunden gerne zahlen. Viel Erfolg beim nächsten Dreh – und das Putztuch für die Linse nicht vergessen.